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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Auf Splashcomics: Thor 7: Der Prometheus von Latveria [Splashcomics - Rezensionen]



Bernd Glasstetter
11.12.2010, 02:24
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Die Geschichte ist ganz bewusst von Mary Shelleys Frankenstein inspiriert und trifft den Ton wirklich gut. Das Setting ist düster und Victor von Doom als Verkörperung Dr. Frankensteins könnte nicht passender sein und ist sogar eine Steigerung. Denn Doom versündigt sich nicht nur indem er Schöpfer spielt, sondern er benutzt ausgerechnet die Körper der Asen, selbst Götter, um an ihnen seine grausigen Experimente durchzuführen. Dieser Handlungsbogen, der bereits in den Vorgängerbänden auftauchte kommt jetzt zu seinem Abschluss, wenn Doom gegen die Schar heranrückender nordischer Götter seine schaurigen Geschöpfe entlässt, darunter auch verwandelte Kinder. Auf einmal sehen sich Balder, Tyr und Co ihren eigenen Brüdern und Schwestern gegenüber, die durch Doom auf morbide Art entstellt sind und nur noch dem Willen ihres Meisters folgen. Ein bisschen gruselig ist es schon, wenn die entstellten Asen/Cyborg-Hybriden nach und nach über die Mauern schwemmen und sich auf Balders Gruppe stürzen.

Die Stimmung überträgt sich ausgezeichnet auf den Leser und bereitet die Bühne für den entscheidenden Kampf als Thor auftaucht und Doom höchstselbst herausfordert. Dann fangen die Fetzen richtig an zu fliegen und es bleibt kein Stein mehr auf dem anderen, wenn gigantische Blitze vom Himmel zucken. Etwas ausgelutscht ist dabei die Masche, dass Doom jedes Mal Stellvertreter kämpfen lässt. Kaum kassiert er einen kritischen Treffer, dann war es lediglich ein Roboterdummy, der bloß aussah wie Doom. In Der Prometheus von Latveria kommt diese Taktik gleich zweimal zum Einsatz und bei The Siege - Dr. Dooms Rache kam es auch schon vor. Zumindest erfüllen in diesem Band die Dummies einen weiteren Zweck, als nur ihren Meister zu schützen. Und Thor ist von dieser letztendlichen Überraschung überhaupt nicht begeistert.

Insgesamt hätte die Schlacht gegen Doom in seiner Festung aber opulenter ausfallen können. Zunächst lässt Balder alle Asenkrieger zusammentrommeln, bloß um im Anschluss der Zusammenkunft zu verkünden, dass lediglich eine Handvoll Krieger loszieht. Vielleicht wollte man sich für das neue Crossover Siege aufsparen und nicht kurz vorher schon einiges an Pulver verballern. Oder es war in den drei Ausgaben, die Kieron Gillen bis zum Event ausfüllen musste, einfach nicht genügend Platz. Einen knalligeren Abschluss hätte die Geschichte allemal verdient, schließlich geht es um den Kampf von Göttern gegen Dr. Doom, der einen Gottkomplex so groß wie das Burdsch Chalifa in Dubai hat.

Die großen Aufreger bleiben in der Schublade des Autors. Die Spannung ist nur zur Hälfte aufgedreht und sämtliche Konflikte werden recht schnell abgehandelt. Thor unterstützt seine Kameraden trotz seiner Verbannung aus Asgard und richtig aufregen tut sich nur Tyr, aber das war es auch schon. Es wird wenig Aufregung um sein Erscheinen und seine angebotene Hilfe gemacht und auch Loki gliedert sich erstaunlich schnell wieder in den Götterkreis ein. Kurz wird dem alten Intriganten misstraut, dann darf er sich auf einmal wieder bewähren und die Heroen vertrauen ihm blind. Und das, obwohl ausgerechnet er es war, der Dr. Doom mit frischen Asen für seine Experimente versorgt hatte. Seine Ausflüchte schlucken Balder und die anderen viel zu schnell. Wenig überzeugend ist es ebenfalls, wenn Loki am Schluss behauptet, alles wäre so gekommen, wie von ihm geplant. Erhaltung des Status Quo soll das alleinige Ziel seiner ganzen Mühen gewesen sein? Kaum glaubhaft. Ein wenig vertröstet aber die abschließende Szene mit Dr. Doom, der sich selbstverständlich nicht so einfach mit Lokis Beschwichtigungen abspeisen lässt und immer einen Trumpf in der Hand behält.

Für das Finale in Latveria wirdMarko Djurdjevic von Billy Tan am Zeichenstift abgelöst. Er verleiht den Asen einen modernen Anstrich, ohne ihnen das Altehrwürdige zu nehmen. Die markanten Züge hebt er sich hauptsächlich für Thor auf, während Figuren wie Balder und Loki sanfter und auch jünger wirken. Mit der Überlebensgröße der Götter nimmt er es aber manchmal zu ernst, insbesondere wenn auf Thors mächtigen, muskelbepackten Körper ein Kopf von der Größe eines Softballs sitzt. Das ist ein wenig zuviel des Guten und kommt zum Glück nicht allzu oft vor. Mit manchen Hintergründen geht Tan ebenfalls nicht sehr sorgfältig um. Die Ansichten der Kleinstadt Broxton sind zum Schreien langweilig und wirken, wie Schritt 2 aus einem Band für Perspektive. Man glaubt beinahe die nicht ausradierten Fluchtlinien zu sehen, während Asgard am Horizont schwebt, als wäre es ein Klumpen Lehm. Ein wenig zuviel freie Fläche für den Coloristen, der anscheinend auch nicht wusste, wie er die Zeichnungen abwechslungsreich gestalten sollte. Dieser Mangel taucht allerdings erst ganz am Ende der Geschichte auf und kann den soliden Gesamteindruck nicht abschwächen.

Das Sahnestück sind die Zeichnungen von Cary Nord im letzten Kapitel des Bandes. Peter Milligan erzählt eine mythisch angehauchte Geschichte, die Nord wunderschön umsetzt. Auf Tusche wurde ganz verzichtet und gleich auf den Bleistiftzeichnungen koloriert, was die Bilder wie gemalt erscheinen lässt. Das steht Thor sehr gut und passt hervorragend zu den Sagen um den mächtigen Donnergott und seinen nordischen Pantheon. Auch die Handlung selbst hat etwas von einer klassischen Göttersage und könnte genauso gut in der Edda verwurzelt sein.

Leider ist auch hier der abschließende Kampf nicht wirklich spektakulär und die wesentlichsten Abschnitte passieren im Off. Zwar passt es zu einem Kampf zwischen Göttern, dass man in Asgard spürt, wie die Erde bebt und auf Midgard der Himmel erzittert. Soviel es zur Stimmung beiträgt, wird durch diese kurzen Szenenwechsel der Kampf extrem verkürzt. Nimmt man das erste Stand-off und die schlussendliche Siegesszene aus, umfasst das Scharmützel gerade mal zwei Panels.

Die Auflösung der Verbrechen durch Thor ist nur mit viel Wohlwollen zu akzeptieren. Die zugrunde liegende Idee ist gut, aber wie Thor, Volstagg, Hogun und Fandrall am Ende auf die Lösung kommen, hat mehr Ähnlichkeit damit ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern. Den entscheidenden Hinweis liefert der aus Uru-Eisen geschmiedete Hammer Thors. Ohne hier vorzugreifen, aber warum soll dieser nicht mehr aus reinem Uru bestehen, wenn er schon lange in Benutzung ist und deshalb voller Scharten und Kratzer ist? Gebrauch verändert doch nicht das eigentliche Material. Alles sehr seltsam und hanebüchen. Die Geschichte ist aber um Lääääängen besser, als Peter Milligans Die Hand von Grog in Thor 6 und hätte ruhig ein paar Ausgaben mehr verdient.





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