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Thema: Rezensionen & Besprechungen

  1. #51
    Björn Backes bei Buchwurm über Hino Horror 2 - Bug Boy von Hideshi Hino:


    [...]

    Persönlicher Eindruck

    Auch die zweite Episode aus der neuen Reihe "Hino Horror" ist ein recht extremes, wiederum verstörtes Beispiel aus dem Gesamtwerk des asiatischen Künstlers Hideshi Hino.

    [...]

    Rein strukturell betrachtet ist "Bug Boy" sicherlich kein außergewöhnlicher Comic: Ein verstoßener Sonderling wird allerorts mit Füßen getreten, isoliert sich schließlich und entdeckt eines Tages ein Mittel, es seinen einstigen Peinigern heimzuzahlen. Allerdings ist das Setting, das Hino hierzu entworfen hat, einzigartig und ebenso sonderbar wie die Gestalt des Sanpei. Wieder einmal richtet sich seine Story an die extremeren Geschmäcker, die hier mit wahrlich abstoßenden Bildern und Inhalten konfrontiert werden und selbst als hartgesottene Vertreter ihrer Zunft ob der krassen Darstellungen ein ums andere Mal werden schlucken müssen. Hino hat jedoch auch ausschließlich unerfreuliche Schauplätze ausgewählt, um die Atmosphäre entsprechend beklemmend zu halten. Sanpei vegetiert in seinem einsamen Zimmer vor sich hin, gerät später in die Kanalisation, fühlt sich an einem Schrottplatz heimisch und treibt sich in den widerwärtigsten Gegenden der Unterwelt herum. Hinzu kommt seine widerliche Art, sich zu ernähren. Der "Bug Boy" frisst Kadaver von Hunden und Katzen, zwischenzeitlich entdeckt er auch die Leiche eines jungen Babys und entdeckt später seine Vorliebe für Menschenfleisch. Nun mag man konstatieren, dass diese Aspekte für einen derart abschreckenden Horror-Plot ganz gewöhnlich sind, jedoch verdichtet sich dieses ekelerregende Bild von Seite zu Seite mehr und lässt Hino einmal mehr als Meister der extremen Inszenierung zurück.

    Zu extreme Form gilt zweifelsohne auch die nüchterne Erzählstruktur; Hino lässt bewusst keine Spannung aufkommen und führt in "Bug Boy" eine Art Tagebuch aus der Sicht des Protagonisten, der immer mehr ins Verderben gerät. Dabei arbeitet er auch kontinuierlich mit Kontrasten und lässt den Jungen bzw. den Wurm nie über seine Situation jammern – obwohl dies die menschlichste Reaktion wäre. Aber wie auch schon im vorangegangenen Band des "Hino Horror" sind Gefühlsregungen und echte Emotionen hier fehl am Platze, wodurch diese dichte, beängstigende Atmosphäre jedoch weiter verstärkt und der Inhalt letztendlich intensiviert wird. Alles in allem hat der berüchtigte Autor mit "Bug Boy" ein kleines Meisterwerk des asiatischen Horrors geschaffen und dadurch auch einen weiteren Grundstein für seine Anerkennung auf dem deutschen Markt gesetzt. "Hino Horror" etabliert sich nicht zuletzt dank dieser zweiten Ausgabe sehr schnell zu einem echten Trademark, das wirklich keinen Fan des Genres kaltlassen sollte.
    Komplette Rezension bei Buchwurm
    Geändert von Philipp Schreiber (17.09.2007 um 15:58 Uhr)

  2. #52
    Martin Höche bei der Comic Radio Show über Der Ausreißer von Hideo Azuma:

    Herr Azuma ist dann mal weg

    Lass mich noch eben Zigaretten holen gehen - sagte sich der namenlose Held in Udo Jürgens altschlagerschönem Evergreen „Ich war noch niemals in New York“ und träumte sich weg von bohnergewachstem, nach Spießigkeit riechendem Treppenhaus. Ach ja, der Traum des kleinen Mannes, dem Alltag zu entfliehen, nur um an Ende resigniert zurückzukehren. Der Mangaka Hideo Azuma hat sich diesen Traum erfüllt, verlässt eines Tages seine Familie und fristet fortan als Obdachloser sein Dasein, verdingt sich als Handwerker, verfällt dem Suff und landet in der Psychiatrie. Schließlich kehrt er zurück an Heim und Herd und...macht einen Manga draus: Der Ausreißer
    Und in diesem Manga erklärt uns Azuma die Details des Lebens als Clochard. Was nach Freiheit und Abenteuer klingt, entpuppt sich sehr schnell als Verwaltung der puren Langeweile. Waren die 24 Stunden des Tages im Berufsleben deutlich zu wenig, so heißt es nun, den nicht enden wollenden Tag mit Sinn (und Sake) zu füllen.

    [...]

    Das eigene Leben als Manga umzusetzen, zumal der beschriebene Abschnitt wenig ehrenhaft ist, bedarf einer gehörigen Portion Mut. Mit Der Ausreißer ist Hideo Azuma eine sehr ironische Autobiographie gelungen. Die berechtigte Frage nach der Moral, wenn man seine Familie einfach so verlässt, wird allerdings nicht thematisiert. Azuma sagt selbst: „Dieser Manga ist vom Stil her funny, denn zuviel Realismus hält der Mensch nicht aus.“ Selbstkritische Töne sind allenfalls im angefügten Interview zu erkennen. Wie auch immer – Der Ausreißer ist streckenweise witzig, zu oft aber sehr monoton geraten. Herausragend sind jene Abschnitte, die in der Entzugsklinik spielen. Überhaupt ist die Beschreibung der Alkoholabhängigkeit (vom morgendlichen Kater, bis zu obskuren Wahnvorstellungen) humoristisch, lehrreich und abschreckend zugleich. Das Leben der Herrn Azuma sollte nicht als Vorbild dienen, ist wohl die Quintessenz. Also: Finger weg vom Sake!
    Komplette Rezension

  3. #53
    Brigitte Schönhense auf Splashcomics über Red Snake von Hideshi Hino:

    Story:
    [...]

    Meinung:
    Mit "Red Snake" eröffnet Schreiber & Leser die Horrorreihe von Hideshi Hino. Der Manga beginnt mit dem düsteren "Blutgesänge" ein Werk von Xinyie Anzi. Der Leser wird unmittelbar nach diesem Auftakt, mit den nachfolgenden Seiten, in eine surreale, schauderhafte Welt gezogen. Der Plot lässt sich schnell auf das Wesentliche reduzieren. Ein namenloser, hässlicher kleiner Junge schaut in einem Traum hinter den verbotenen Spiegel, ein Dämon in Form der Roten Schlange gelangt aufgrunddessen aus dem Reich der Dämonen und damit beginnen Tod und Mord über die seltsame Familie hereinzubrechen. Diese Familie scheint selbst wie aus einem Horrorfilm entsprungen zu sein und gibt allein durch ihr "normales" Auftreten schon genug Grund zum Gruseln.

    [...]

    Das Artwork unterstützt gekonnt die schauderhafte Atmosphäre, durch die der Leser zusammen mit dem namenlosen Protagonisten wandelt. In übergroßen Panels werden besonders die ekligen Szenen detailliert dargestellt. Viele Bilder leben auch von einem krassen Gegensatz. Die hübsche Mutter z.B. die plötzlich zum verstümmelten Monster mutiert. Schwarze Flächen dominieren die Panels.
    "Red Snake" dürfte es gelingen die meisten Leser in Schauder zu versetzen. Als Frage bleibt nur offen, welchen Horror der Leser favorisiert. Den leise anklopfenden, der hauptsächlich mit der Psyche spielt - kaum anzutreffen in diesen Manga - oder den plastisch in szenegesetzten Splatter, der in diesen Band wirklich ekelig und grausam dargestellt wird?

    Fazit:
    Für Horrorfans geeignetes Lesefutter, auch wenn der Comic einen kaum anständigen Plot aufweisen kann. Zartbesaitete oder Leser mit hoher erzählerischen Erwartung sollten lieber die Finger von den Band lassen.
    Hier die komplette Rezension.

  4. #54
    Zuzanna Jakubowski im goon Magazin über "Der Ausreißer" von Hideo Azuma:

    Trauriger Slapstick

    Dem Verlag Schreiber & Leser verdanken wir eine stetig wachsende Anzahl von wunderbareren Autorenmangas (hervorzuheben wären z.B. »Blue« von Kiriko Nananan und »Die Stadt und das Mädchen« von Jiro Taniguchi), und Hideo Azumas autobiographischer Manga über die Erlebnisse eines überforderten Autors passt da perfekt in das sorgfältig ausgewählte Profil der Shodoku-Reihe.
    »Der Ausreißer« ist eine traurige Geschichte, erzählt in selbstironischem Ton und knuddeligen Bildern, in der der Autor seinen Aufstieg und Fall als Mangakünstler, sein Zerbrechen am Erfolgsdruck, die Entfremdung von seiner Familie, seinen Ausstieg aus der Gesellschaft, Selbstmordversuche und schließlich auch seine qualvolle Alkoholsucht verarbeitet. Als er das zweite Mal zurückkehrt, erkennen ihn nicht einmal seine Kinder wieder, und 1998 wird er dann gegen seinen Willen in eine geschlossene Anstalt gesperrt. Und dennoch tritt aus den Panels nie auch nur ein Quäntchen direkter Rebellion oder auch nur Selbstmitleid hervor.
    »Dieser Manga«, warnt er auf der ersten Seite, »nimmt eine positive Weltsicht ein und ist vom Stil her nicht realistisch, denn zuviel Realismus hält der Mensch nicht aus.« Aber wie auch Charlie Chaplins tieftrauriger Slapstick bringt Azuma durch die niedlichste Zeichnung, die humorvollste Anekdote den tiefsten Abgrund zum Vorschein.
    Rezension bei goon Magazin

  5. #55
    Michael Klein im Stadtmagazin LIVE! (Saarland) über Die Stadt und das Mädchen, Poison Ivy 1&2 und Blue

    Frisch aus der Bilderwelt

    Von actionreichen Superheldenträumen bis hin zur Poesie sensibler Beziehungen – die Vielfalt der Motive, Themen und Stile des Comic bereichert die Faszination des Mediums. LIVE stellt Neuheiten der Saison vor.


    (Die Stadt und das Mädchen)
    Der Bergsteiger Takeshi Shiga bewirtschaftet eine Berghütte am Kai-Komagataki, als ihn ein Hilferuf aus Tokio erreicht. Yoriko Sakamoto, die Frau seines besten Freundes, der vor zwölf Jahren beim Bergsteigen in Nepal gestorben ist, ist in starker Sorge um ihre Tochter Megumi, die seit Tagen nicht nachhause gekommen ist. Shiga erinnert sich: »Ich vertraue dir Yoriko und Megumi an«, waren die letzten Worte, die sein Freund auf einen Zettel gekritzelt hatte, bevor er in Nepal erfror. Shiga bricht sofort nach Tokio auf und beginnt seine Nachforschungen. Während für die Polizei der Fall des verschwundenen Mädchens von keinem sonderlichen Interesse zu sein scheint, gewinnt Shiga das Vertrauen eines jungen Straßenstreuners und des zunächst abgebrüht-abweisenden Mädchens Maki Ohara, die Megumi zuletzt gesehen hat. Die Beobachtungen der beiden geben Shiga die ersten wichtigen Hinweise, was es mit Megumis Verschwinden auf sich haben könnte. Und dann geht es in gefährliche Höhe - in gesellschaftlicher wie in physikalischer Hinsicht. Gut, dass Shiga ein Bergsteiger ist, der auch das scheinbar Unmögliche nicht scheut. Autor Jiro Taniguchi verbindet seine bezwingende, hochspannende Handlungsführung in bester Hollywood-Dramaturgie mit einem atmosphärisch dichten Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren und einem kritischen Porträt der wimmelnden Metropole Tokio, in der Anonymität, die Entfernung von den wirklichen Lebenswerten und der Zerfall des inneren gesellschaftlichen Zusammenhalts herrschen. »Die Stadt und das Mädchen« ist ein exzellenter Manga-Thriller mit Anspruch, den man bis zur letzten Seite nicht aus den Händen legen kann.
    (Poison Ivy 1 & 2)
    Die eine kommt, die andere geht. Die, die geht, ist Dorothy Partington, von ihren Freunden »Dottie« genannt. Sie ist die Heldin der exzellenten Abenteuer-Comicreihe »Pin-up« von Szenarist Yann (d.i. Yannick le Pennetier) und Zeichner Philippe Berthet, die jetzt mit dem neunten Band »Gift« ihren Abschluss findet. Nach den zahlreichen Stationen der vorherigen Episoden ist die attraktive und mit ziemlich vielen Wassern gewaschene Dottie mittlerweile auf ihrer Yacht »Tiki« in Hawaii unterwegs, wo sie für ein medizinisches Labor Meeresschlangen ihr Gift abzapft. Weit gefährlicher aber wird für sie die große offene Rechnung, die der Las-Vegas-Boss Gus Greenbaum mit ihr immer noch offen hat. Rasend vor Zorn schickt er Dottie eine reizend-brutale Killerin auf die Spur, die ihrem Job mit grausamer Raffinesse und Unnachgiebigkeit nachgeht. Und da gibt es noch die vor Hawaii liegende paradiesische Insel Kaho`Olawe, auf die Dottie schließlich fliehen muss und auf der der Japaner Fukushi ein seltsames, undurchschaubares Regiment führt. Wer die bisherigen Teile von »Pin-up« verschlungen hat, darf sich auf ein fesselndes, ungemein geschickt konstruiertes Finale freuen, das die Geschichte Dorothy Partingtons zum würdigen Abschluss bringt. Wer »Pin-up« hingegen noch nicht kennt, dem sei empfohlen, die ganze Reihe in der Reihenfolge der aufeinander aufbauenden Episoden zu lesen. Es lohnt! - Und die, die kommt? Das ist »Swampy«, ein Mädchen, das in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in einem weltabgeschiedenen Bayou Louisiannas aufgewachsen und die Heldin einer neuen Reihe desselben Teams Yann/Berthet ist. Swampy hat eine außergewöhnliche Eigenschaft: Seit sie einmal nur knapp dem Tod durch giftigen Efeu (»Poison Ivy«, wie dann auch Swampys neuer Spitzname wird) entronnen ist, sind ihre Küsse tödlich. Das macht gar Präsident Roosevelts Berater auf sie aufmerksam, die eine geheime Einsatztruppe von Frauen mit Superkräften zusammenstellen, die in den absehbaren, großen Auseinandersetzungen des II. Weltkriegs scheinbar aussichtslose Missionen bestehen sollen. Erstes Ziel: die Japaner zum Angriff auf Pearl Harbor zu bewegen, damit die amerikanische Bevölkerung zum Eintritt in den Krieg bereit ist. Yann und Berthet liefern rasante Abenteuer vor bissiger historischer Interpretation, doch an das zeichnerische und erzählerische Niveau von »Pin-up« können sie nicht anknüpfen. Atmosphären werden durch Tempo ersetzt, die parodistischen Elemente führen zu übergroßer Überzeichnung, und insbesondere der zweite Band, der den Krieg als oberflächliches Actionspektakel präsentiert, bleibt deutlich unter dem sonstigen Niveau der beiden Autoren.
    (Blue)
    Vom Dach des Gymnasiums aus, auf das die beiden Teenager Kirishima Kayako und Masumi Endo gehen, sieht man das japanische Meer. Es gibt einen unbekannten Schleichweg durch das davor liegende Pinienwäldchen, und die beiden Mädchen gehen manchmal zusammen dorthin. Sie blicken aufs weite Meer, sie hören den ans Ufer laufenden Wellen zu und sind erfüllt von Sehnsucht. Vielleicht auch zueinander. Aber das Leben im letzten Jahr vor den Abschlüssen ist auch nicht leichter als vorher oder nachher, und das Erwachsenwerden steckt voller Suchen, Wünsche und Unsicherheiten. Vor allem für Endo, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann und eine Abtreibung hinter sich hat – und innerlich mit beidem längst nicht abgeschlossen. »Blue« heißt die bittersüße Manga-Erzählung von Kiriko Nananan, die von einer romantischen und semierotischen Mädchenfreundschaft handelt. Und Blau ist die Farbe der Romantik und der Melancholie. In einem poetischen, teils atemberaubend eleganten Zeichenstil der Auslassung und der klaren Linien und im wehmutsvollen Ton der Erinnerung erzählt Nananan eine berührende, sensibel entwickelte Geschichte über die schwierigen, tastenden Schritte aus den letzten Jahren des Teenagerdaseins ins Erwachsenenleben.
    Erschienen in Ausgabe Sept./2007

  6. #56
    Christian Maiwald im OX #74 Oktober/November 2007 über Der Casanova Komplex von Yoji Fukuyama und Der Ausreisser von Hideo Azuma:

    DER CASANOVA KOMPLEX

    Mit einer Zugfahrt beginnt auch ein weiterer Manga – diesmal wieder erschienen bei den Münchnern von Schreiber und Leser – und auch hier führt sie in eine Traumwelt, allerdings nicht in eine, die ein Erwachen und Ende zulässt.
    „Der Casanova-Komplex“ ist viel mehr als Fantasiegeschichte angelegt, die im in ihrem Verlauf immer mehr ins Groteske umschlägt. Es beginnt zunächst relativ harmlos – ein Mann mittleren Alters fantasiert auf besagter Zufahrt vom Sex mit einem Schulmädchen, das ihm gegenüber sitzt. Am Bahnhof von Uroshima steigt das Mädchen aus, hat aber ihre Monatskarte an Bord vergessen. Der Mann stürzt hinaus, um sie dem Mädchen – Yuma-Chan – zurückzugeben. Der Zug fährt ohne ihn ab und er ist vorerst in diesem Ort, von dem er noch nie gehört hatte, gestrandet. Schon am Bahnhof fällt ihm auf, dass die Bewohner Uroshimas kein Problem damit zu haben scheinen, vor anderen Leuten miteinander zu kopulieren und nicht nur das: An allen Ecken und Enden der Stadt stehen und liegen die Leute herum und ****** ["kopulieren", Zensiert von Comicforum.de]. Nicht mehr und nicht weniger. Nach anfänglicher Verwunderung und erstem Zögern beugt sich der Protagonist nur zu gern den lokalen Sitten und schiebt bald seine ersten Nummern auf offener Straße. Nur Yuma-Chan, die er eigentlich begehrt, entzieht sich seiner Lust und nicht nur einmal ist es nur zu knapp, bis er auch mit ihr schlafen kann. Dabei kommt es sogar zu abstrusen Verwechslungen und Menschen, die er für das angebetete Schulmädchen hält entpuppen sich im nächsten Augenblick als jemand vollkommen Anderes.
    Autor Yoji Fukuyama spielt lustvoll mit Moralvorstellungen, ohne aus dem „Casanova-Komplex“ einen platten Porno werden zu lassen. Da steht zunächst mehr die Komik als die Sexdarstellung im Vordergrund und je mehr Zeit vergeht umso verzweifelter werden die Versuche des Mannes, in die Nähe von Yuma-Chan zu gelangen: Er kann im Prinzip alles haben, nur nicht das, was er am meisten will. So lässt sich die Geschichte dann beispielsweise als vielschichtige Parabel über Konsumismus und Leere medialer Scharfmachung im wörtlichen Sinn lesen: Es gibt einen Unterschied zwischen dem weitgehend gefühlslosen Quickie und wahrer Erfüllung, denn die liegt nicht im Schnöden „Haben“, wie es die Bewohner Uroshimas vormachen.
    Im weiteren Verlauf steigert Fukuyama die Erzählung weiter ins Groteske, wenn abgetrennte Gliedmaßen (auch im wörtlichen Sinn) und weitere Fantasy-Elemente hinzukommen. Dabei verliert die Geschichte kurzzeitig ihre eigentlich Linie aus den Augen, wenn man aber offen ist für abstruse Ideen, wird man auch an einer Figur wie dem kastrierten Amokläufer sein Vergnügen finden. So ist „Der Casanova-Komplex“ dann unterm Strich auch eine unterhaltsame Sache, die man nicht von A bis Z zu deuten versuchen muss, die aber genug Substanz hat um als mehr durchzugehen als lustiger Quatsch.
    DER AUSREISSER

    „Ich geh mal eben Zigaretten holen.“ – ein Klassiker unter den Floskeln, von denen man nicht annimmt, jemand würde sie je benutzen. Hideo Azuma hat sie benutzt und ist tatsächlich abgehauen.
    Sein Leben als erfolgreicher Manga-Zeichner, mit dem mörderischen Arbeitspensum und Erfolgsdruck, hatte ihm so sehr zugesetzt, dass er spontan alles – inklusive seiner Frau - stehen und liegen ließ und lieber für einige Monate als Penner in einem Grünstück in der Stadt verbrachte. Seine Beschreibungen, wie er es mit erstaunlichem Pragmatismus und ohne Rücksicht auf Ekelgefühle schafft, sich durchzuschlagen lesen sich dabei ähnlich interessant wie George Orwells „Unterwegs in Paris und London“. Bei Azuma tritt noch hinzu, dass er alles nicht ganz so ernst nimmt, was ihm seine selbst gewählte prekäre Situation zu ertragen erleichtert.
    Doch „Der Ausreißer“ ist nicht nur bloße Pennergeschichte, sondern in der zweiten Hälfte auch noch Schilderung seines stressigen Lebens als Mangaka und seinem daraus resultierenden Alkoholismus. Das ist genug Stoff für eine fesselnde, autobiografische Geschichte, aber so recht mag da keine Spannung aufkommen, wenn er inhaltlich wie zeitlich sprunghaft sein Leben schildert. Dafür entschädigt die über weite Strecken leichtfüßige Erzählung der Geschichte.
    Auch die runden, wenig naturalistischen Zeichnungen zeigen, dass er es, auch wenn er letzten Endes von lebensbedrohlichen Situationen erzählt, nicht zu ernst werden lassen will, aber die Schwere nicht leugnen will. So macht es Spaß den Band zu lesen, auch wenn nach dem abrupten Ende das Gefühl bleibt, das etwas an Substanz und Stringenz fehlte.
    Geändert von Philipp Schreiber (05.11.2007 um 18:08 Uhr)

  7. #57
    Christopher End in AnimaniA 10/2007 über Der Ausreisser von Hideo Azuma:

    Mein Leben als Penner
    Hideo Azuma hat Dutzende von Mangas geschaffen und dabei von Gag-Mangas über Sci-Fi bis hin zu erotischen Storys viele Genres bedient.
    Dass hierzulande bisher kein einziges seiner Werke veröffentlicht wurde, liegt eventuell daran, dass der Höhepunkt seines Schaffens in den 70er und 80er Jahren lag. Um dem Erfolgsdruck zu entgehen, verschwand Hideo Azuma Ende der 80er Jahre eines Tages plötzlich. Seine Zeit auf der Straße, seine Angstzustände und seinen Alkoholismus verarbeitete er 2005 in einem erstaunlich humorvollen Manga, der mit dem Großen Preis des Osamu Tezuka Kulturpreis ausgezeichnet wurde und den Shodoku jetzt unter dem Titel Der Ausreißer veröffentlicht.


    Hideo Azuma ist Manga-ka. Obwohl er schon über zwanzig Jahre viele Serien geschaffen hat, darunter auch erfolgreiche Titel, hat er eines Tages genug: Hideo geht. Er sagt weder seinem Verleger noch seiner Frau Bescheid und verschwindet. Auf der Straße und unter freiem Himmel erlebt er das erste Mal Freiheit – auch wenn er frierend unter einer dünnen Decke liegt, während der kalte Regen einsetzt. Hideo arrangiert sich mit seinem neuen Leben und findet heraus, in welchen Mülltonnen es die besten Speisereste gibt. Doch eine Polizeistreife greift ihn auf und bringt ihn zurück in sein altes Leben.
    Dort hält es der Manga-ka nicht lange aus und Anfang der Neunziger verschwindet er erneut. Diesmal währt sein Leben als Odachloser jedoch nicht so lang und Hideo verdingt sich als Arbeiter auf dem Bau. Schließlich kehrt er zu seiner Familie zurück, auch wenn er vorerst weiter als Gas-Installateur arbeitet. Als er zurück an den Zeichentisch kehrt, nimmt auch sein Alkoholkonsum zu. Ende der 90er liefert ihn seine Familie schließlich zu einem Entzug in eine geschlossene Klinik ein.

    Was wie die typische Geschichte eines Menschen klingt, der versucht aus den Zwängen der Gesellschaft zu fliehen und schließlich einer Sucht verfällt, beschreibt Hideo Azuma erstaunlich leichtfüßig und humorvoll. Gleich zu Beginn des Mangas wendet er sich dazu direkt an den Leser und macht klar, dass er keine realistische Darstellung, sondern eine positive Weltsicht anstrebt. Das bezieht sich nicht nur auf die Zeichnungen im klassischen Gag-Manga-Stil. Hideo Azuma beschreibt seine Leben – sei es nun als Obdachloser oder Alkoholiker in der geschlossenen Abteilung – immer mit einem Augenzwinkern.
    Eine unaufgeregte Erzählweise und das knuffige Chara-Design zeichnen diese – wahre – Slice-of-Life-Geschichte aus.

  8. #58
    Barbara Buchholz in der Kölnischen Rundschau vom 17.10.07 über Der Janitor 1: Der Engel aus Valletta von Boucq / Sente:

    Der junge Pater Vince macht nicht nur in der Kirche einen guten Job. Er hat sich schon des öfteren bei Sondereinsätzen als Leibwächter bewährt. Deswegen fällt die Wahl auf ihn, als einer der zwölf Janitoren ausfällt, welche die geheime Elite-Schutztruppe des Vatikan bilden. Vince wird die neue Nummer Drei, der „Janitor Trias“. Dumm bloß, dass er weltlichen Genüssen keineswegs abgeneigt ist und sich seiner klerikalen Berufung daher keineswegs sicher ist.

    „Der Engel aus Valletta“ heißt der Auftakt einer spannenden Serie von François Boucq und Yves Sente

  9. #59
    Hajo bei Doppelpunkt über Der Janitor 1: Der Engel aus Valletta von Boucq / Sente:

    Katholische Kämpfer
    Pater Vince ist sicherlich kein typischer Geistlicher. Er arbeitet als Leibwächter für vatikanische Archäologen und Kunstsammler und muss bei derartigen Einsätzen durchaus auch härter zupacken können. Dass er auch den weltlichen Genüssen nicht gerade abgeneigt ist, macht ihn sicherlich nicht zum Vorzeigepriester, doch sein effektives Handeln während der Einsätze beschert Vince nun ein höheres Amt: Er soll zum vatikanischen Geheimdienst berufen, einer von zwölf Janitoren werden, die die geheime Elite-Schutztruppe des Vatikans bilden. Vince zweifelt, ob dies für ihn eine geeignete Aufgabe ist, will er sich doch nicht tiefer in Intrigen das Vatikans verstricken lassen. Doch es ist bereits zu spät, und noch ahnt Vince nicht, welches Geheimnis sich hinter seiner eigenen Herkunft verbirgt...
    Mit „Der Janitor" legt Szenarist Yves Sente einen packenden Thriller vor, mit dem François Boucqn ach dem Western „Bouncer" erneut sein zeichnerisches Können zeigt.
    Original Rezension

  10. #60
    Oliver Ristau im Stadtmagazin Stadtpark über Der Casanova Komplex von Yoji Fukuyama:

    Der japanische Künstler Yoji Fukuyama orientierte sich am Anfang seiner Karriere stilistisch an Mangaka-Größen wie Otomo (»Akira«), fand dann aber seinen eigenen Weg, auf dem er sich u.a. mit Fragen der geschlechtlichen Identität beschäftigte – in seinem Werk »Mademoiselle Mozart« ist der Komponist als Frau zu erleben.
    »Der Casanovakomplex« ist vordergründig betrachtet einer der üblichen Sex-Mangas. Bei genauem Lesen fallen einem jedoch die surreal anmutenden Züge der Geschichte auf, die vor allem Fragen nach den Inhalten männlicher sexueller Phantasien stellt.
    So gibt es im sexuell freizügigen Paradies Uroshima (dessen Name eine Anspielung auf ein japanisches Märchen um einen Fischer namens Urashima ist, den es in eine Unterwasserwelt verschlägt) Sex an jeder Straßenecke – übrigens streng heterosexuell, homoerotische Paarungen gibt es nicht. Und obwohl scheinbar jeder Mann jede Frau (und umgekehrt) haben kann, kommen einige doch zu kurz. Dies führt zu Konflikten. Dem Fluch der zwanghaften männlichen Libido unterworfen, kann es dann auch zur Kastration des Nebenbuhlers kommen.
    Der Zeichenstil ist reduziert und kommt oft ohne detaillierte Hintergründe aus, was den Eindruck einer Projektionsfläche für die Phantasie ihres sexbesessenen Protagonisten beim Leser verstärkt.
    Für Männer, die schon alles haben.
    Originalrezension hier.

  11. #61
    Stefan Pannor bei Spiegel Online Kultur über Die Stadt und das Mädchen von Jiro Taniguchi:

    Es ist symptomatisch für den deutschen Comicmarkt, der sich zunehmend auf Kinder und Nostalgiker einschießt, dass ein Künstler wie Jiro Taniguchi darin lange keine Beachtung fand. Taniguchi ist bereits seit den siebziger Jahren aktiv, zu seinen Freunden und Verehrern zählen Künstler wie der französische Comic-Revolutionär Moebius. In Japan selbst gilt er als westlich orientierter Künstler. Vor nur knapp einem Jahr kam mit der Manga-Novellensammlung "Der Wanderer im Eis" erstmals ein winziger Teil von Taniguchis umfangreichem Werk auf den hiesigen Markt.

    Mit "Die Stadt und das Mädchen" und "Vertraute Fremde" folgten nun fast zeitgleich zwei weitere Comic-Romane.
    [...]
    Ähnlich detailliert geht er in "Die Stadt und das Mädchen" vor. Nur sind es hier Tokio und die Gegenwart, die er porträtiert. Dort sucht der Bergsteiger Shiga in Tokio nach seiner verschwundenen minderjährigen Nichte. Es ist ein Abstieg in eine seltsame Halbwelt für den Freiluftfreund. In eine Szene, die von Drogenkonsum und Schulmädchenprostitution geprägt ist und in der fast alle ein zweites Leben neben ihrem Alltag als normale Töchter führen.

    Taniguchi vermeidet alles Sensationslüsterne. Shiga, das Auge des Lesers, bleibt nahezu immer sachlich, nüchtern, beobachtend. Taniguchi stellt diesem gefühlskalten Mann eine ebensolche Stadt gegenüber: Fahl glitzernde Strukturen gerader Linien und harter Kanten bestimmen die Bilder. Ein fremder Mann in einer fremden Welt.

    Und wenn Shiga, der Bergsteiger, am Ende die Höhen und Tiefen der Stadt in der für ihn typischen Weise bezwingt, dann ist auch das nur ein Sieg auf Zeit. Der Mann geht zurück in die Berge, die Stadt bleibt, wie sie ist.
    Komplette Rezension hier.

  12. #62
    Thomas Dräger bei parnass über Der Ausreisser von Hideo Azuma::

    Es gibt auch Manga jenseits von DragonBall und Naruto, und wenn der Verlag Schreiber & Leser einen Manga rausbringt, dann gehört er zu diesen selten gesehenen Werken japanischer Comickunst. Japan ist für uns Europäer selbst in Zeiten von Internet und Globalisierung immer noch etwas Exotisches.
    [...]

    Okay, Hideo Azuma erzählt uns in seinem Comic „Ausreißer“ von seinem Leben als Versager. Das macht er recht amüsant. Dabei geht etwas unter, das er sein Leben nicht aus Überzeugung im Wald verbrachte wie ein Aussteiger, der damit eine politische Aussage machen möchte. Mit seinen Tipps, wie man mit verschimmeltem Essen sein Leben geschmackvoll verkürzt und wie man auch ohne Geld an den Alkohol kommt, hat er sicher seine Zeit als Obdachloser verarbeiten können, lächeln sollte man darüber trotz der selbstironischen Erzählweise trotzdem nicht. Eine stringent erzählte Geschichte sollte man auch nicht erwarten.
    [...]

    Alles zusammen klingt nicht sehr lesenswert, aber dieser Eindruck ist völlig verkehrt. Es ist ungemein angenehm zu lesen, weil deutlich realistischer als „Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer“ und eindringlicher als „Held“. Dass dieser Comic keine Massen wie der straßentaugliche Mainstream-Manga erreichen wird, ist leider absehbar. Darum ist der etwas hohe Preis verständlich.
    Komplette Rezension

  13. #63
    Christian Maiwald im OX #73 August/September 2007 über Die Stadt und das Mädchen von Jiro Taniguchi, Red Snake und Bug Boy von Hideshi Hino:

    Die Stadt und das Mädchen

    Mit der Veröffentlichung eines weiteren Bandes des japanischen Manga-Autors Jiro Taniguchi wird noch einmal deutlich, warum er einen so hervorragenden Ruf genießt.
    Denn nach der Kurzgeschichtensammlung DER WANDERER IM EIS ist diese Erzählung einmal mehr Beweis für seine Fähigkeit vielschichtige, spannende und klischeefreie Geschichten zu erzählen. In diesem Fall handelt es sich um eine mit großer Natürlichkeit erzählte Mischung aus Bergsteigerdrama und Psychothriller. Der Bergführer Shima muss sich dabei ungewollt noch einmal mit seiner Vergangenheit auseinander setzen muss. Vor ein paar Jahren war sein Bergsteigerfreund Sakamoto gestorben und noch immer beschäftigt ihn, dass er ihn nicht daran gehindert hatte, einen 8000er zu besteigen. Er wird nun nach Tokio gerufen – Megumi, die Tochter seines toten Freundes, ist verschwunden und nun macht er sich im Großstadt-Dschungel auf die Suche nach dem Teenager.
    Im Laufe der Suche nach dem jungen Mädchen treffen sich für Shiga Vergangenheit und Gegenwart, was in einem alles verbindenden Finale mündet. Geschickt und mit für Manga untypischer Ruhe lässt Taniguchi die Handlung sich entfalten: Wie der naturverbundene Shiga im grellen Unterhaltungsviertel Shibuya die Suche aufnimmt und Hinweise auf Megumis Verschwinden sammelt, ist mit so großer erzählerischer Sicherheit und in so makellosen Bildern zu Papier gebracht, dass es einem trotz der Unaufgeregtheit der Geschichte die Sprache verschlägt. Da prallen Kulturen aufeinander, da wird ein Kriminalfall angegangen und da findet ein Bergsteigerdrama statt – ganz nahtlos, ganz selbstverständlich und in Allem ganz große Klasse.
    Red Snake / Bug Boy
    Man kann den Münchener von Schreiber und Leser nur danken, dass sie endlich Comics von Hideshi Hino in Deutschland herausbringen.
    Meines Wissens war von Hino, den Gore-Freunde von seiner Beteiligung bei zweien der japanischen GUINEA PIG-Filmen kennen könnten, bis jetzt hierzulande nichts erschienen und schon diese Bände sind Perlen des Comic-Horrors. Hino ist sicher nicht der beste Zeichner, der in detailverliebten Panels Grausamkeiten darzustellen weiß. Vielmehr gehen seine Geschichten wegen der Plots und Erzählperspektiven ins Mark, die sehr geschickt mit Ängsten und Erwartungen der Leserschaft spielen.
    Im Falle von BUG BOY geht es um den Außenseiter Sanpei, der von seinen Mitschülern als Schwächling gehänselt wird und am liebsten mit seinen Tieren spielt. Von einem seiner Würmer gebissen, beginnt er sich langsam selbst in einen Wurm zu verwandeln, was Hino in ekligen Details festhält und dabei nicht unwesentlich an Cronenbergs DIE FLIEGE erinnert. Denn auch wenn es Sanpei zwischendurch schlecht geht – die Mutation ist für ihn mehr Erlösung als Untergang. Einmal zum Wurm geworden scheint er bei sich selbst anzukommen, auch wenn er im Folgenden zum Massenmörder wird.
    Dass die Verwandlung als grässlicher Horror auch durch die Augen seiner Familie geschildert wird, untergräbt Hino geschickt dadurch, dass Sanpei dabei zunächst zumindest innerlich noch Mensch bleibt und dass seine Familie ihn sowieso als Belastung für ihren sonst tadellosen Ruf empfinden und auf die Mutation geradezu herzlos reagiert. Da fragt man sich, wer eigentlich hässlich ist.

    Eine kaputte Familie steht auch im Mittelpunkt des anderen Bandes RED SNAKE: Wieder aus der Sicht des jüngsten Sohnes erzählt, geht es um eine Familie und den über sie einbrechenden Horror. Wobei die Grundkonstellation schon gruselig genug ist: Der Vater zum Beispiel verfüttert Hühner an ihre Artgenossinen und unterhält sich mit den im Stall aufgehängten Hühnerköpfen, die Großmutter brütet die Hühnereier aus und ernährt sich von Würmern und Asseln und die Mutter tritt mit den Füßen dem Großvater die Riesenpusteln im Gesicht aus.
    Dem kann der Sohn nicht entfliehen – das Haus ist von einem wilden Wald umgeben, der kein Entrinnen ermöglicht – er ist dieser Situation hilflos ausgeliefert. Als ob das nicht reichte wird durch die Namen gebende rote Schlange, die der Sohn scheinbar durch einen Albtraum freisetzt, eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, bei der das gesamte Haus in einen Strudel abwärts in den puren Horror gerät. Nicht nur abgedrehte Einfälle und Grausamkeiten machen hier den Horror aus – es ist die grundsätzliche Atmosphäre der Panik und Unausweichbarkeit, die zur Faszination dieses Manga beitragen. Dass RED SNAKE mit autobiografischen Motiven durchsetzt ist, steigert den hermetischen Horror nur noch weiter.

    Mutationshorror ist ebenso wie immer wieder benutzte apokalyptische Motive beliebtes Stilmittel japanischer Comics. Gerade nach kürzlicher Lektüre von Nakazawas BARFUSS DURCH HIROSHIMA wird klar, dass die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki nicht nur geschichtliche, sondern immer noch tief im öffentlichen japanischen Bewusstsein verankerte Ereignisse sind, was in vielen Manga Ausdruck findet. Bei Hideshi Hino, 1946 geboren, lässt sich das besonders deutlich und eindrücklich ablesen. Seine Horrorstories verarbeiten offensichtlich kulturell und privat bedeutsame Motive und sind nicht zuletzt deshalb so interessant und wirkungsvoll. Mehr davon!

  14. #64
    Michael Nolden im Comicblog.de über Canardo – Ein dummer Hund von Sokal und Janitor I – Engel aus Valetta von Boucq/Sente:

    Canardo
    [...]

    Das Besondere an den Geschichten um Inspektor Canardo ist der Zwiespalt zwischen Optik und Erzählung. Wer die Optik, die grafische Darstellung betrachtet, kann der fälschlichen Annahme aufsitzen, es mit einer leichten Geschichte zu tun zu haben, vielleicht ein wenig im Disney-Stil. In Wirklichkeit sind die Geschichten sehr ernsthaft, ernsthafter als jeder Fernsehkrimi und besitzen den nötigen Schuss pechschwarzen Humors. Inspektor Canardo, die Kernfigur, ist äußerlich stets lässig und steht der Obrigkeit wie auch so genannten Leuten, die etwas zu sagen haben, immer etwas sperrig und mit einem vorlauten Mund- - Verzeihung – Schnabelwerk gegenüber.

    [...]

    Grafisch bewegt sich Sokal mit dieser 16. Episode seines Helden Canardo auf gewohnt gutem Niveau. Fans von ernsten Geschichten, in denen Tierfiguren den Part von Menschen übernehmen, sind nicht häufig, aber häufig sind diese Geschichten sehr gut. Eine derart lange Laufreihe wie hier ist ein gutes Indiz für Qualität und auch verdienten Erfolg.
    Mit den Tierfiguren gelingt Sokal eine hervorragende Charakterisierung seiner Darsteller. Dies trifft nicht nur auf die dicklippige Ente mit dem viel zu großen Schnabel zu. Auch der schmale Hase Garenni ist mit seiner recht üppig geratenen Ehefrau für so manche Interpretation gut.

    Tragisch, spannend, kurios, komisch, all diese Elemente vermischen sich in dieser Episode zu einem gelungenen Krimi, der mit einem der gemeinsten Schlussszenen seit langem aufwarten kann. Daumen rauf für diesen neuen Einsatz von Inspektor Canardo.
    [...]

    Komplette Rezension Canardo – Ein dummer Hund
    Janitor I
    [...]

    Der Janitor reiht sich mit seinem Serienauftakt Der Engel aus Valletta in Thriller wie Illuminati, Assassini oder Das geheime Dreieck ein, die das Wirken des Vatikans und der katholischen Kirche als Basis für einen soliden Thriller nutzen.
    Aus der Realität weiß man um Organisationen wie Opus Dei oder auch der Schutztruppe im Vatikan, der Schweizer Garde. Der Vatikan, die Kirche insgesamt, weiß immer noch mit einigen schwarzen Löchern aufzuwarten, die sich perfekt dazu anbieten, sie zu füllen und eigene Geschichten daraus zu kreieren. Das umfangreiche Archiv der Kirche bietet außerdem einen Ansatzpunkt für den Beginn dieser Handlung, geht es doch sogleich um die Beschaffung eines wichtigen Dokuments.

    F. Boucq und Y. Sente halten sich nicht mit Vorreden auf. So erleben wir Pater Vince bei seiner täglichen Arbeit als Leibwächter im Priestergewand. Es ist ein wenig schade, dass man durch das Cover bereits von Vince’ Berufung weiß, denn so geht ein Teil der Überraschung verloren, die wenigstens die Stewardess am Morgen nach der Liebesnacht hat, als sie Vince in seiner tatsächlichen Berufskleidung sieht. (Ein Überraschungseffekt, den die beiden Macher für den aufmerksamen Leser beinahe in einer Art Fußnote verstecken.)

    [...]

    Die seltsamen mystischen Andeutungen und Ereignisse sind noch nicht einzuordnen, aber gerade vor Themen wie den Templern verstehen F. Boucq und Y. Sente auch hier die richtigen Knöpfe zu drücken und mit den Erwartungen des Lesers zu spielen.

    Vor einer sehr schönen gestalteten Kulisse mit interessanten Charakteren baut sich eine ungewöhnlich dichte Spannung auf, sehr ernsthaft und realistisch erzählt und ebenso realistisch gezeichnet. Sébastien Gérard stützt die im besten Sinn klassische Gestaltung mit einer leichten und versierten Farbgebung. Perfekte Thriller-Unterhaltung im Comic-Format.

    Komplette Rezension Janitor I – Der Engel aus Valetta

  15. #65

    Der Ausreißer

    Christian Meyer bei tiefkultur über "Der Ausreißer":

    "Dass der Manga mehr zu bieten hat als Endlosserien für Teenager dürfte sich herumgesprochen haben. Falls doch nicht, so kann ich zwei außergewöhnliche und sehr unterschiedliche Neuveröffentlichungen empfehlen …"
    mehr lesen

  16. #66
    Klaus Schikowski in Comixene Nr. 100 über Hino Horror 2 – Bug Boy von Hideshi Hino:

    Der alltägliche Horror

    Nun liegen auch endlich die ersten Bände des japanischen Horror-Altmeisters Hideshi Hino auf deutsch vor. Hino Horror ist der Obertitel der Reihe, in der bislang zwei Bände erschienen sind. Aber was für Bände. Eigentlich müsste nun an dieser Stelle eine Warnung an junge und zartbesaitete Leserschichten stehen. Denn was Hino hier liefert, kann auf den Magen schlagen. Manche Geschichten sind so voller Ekel, dass man bestürzt das Buch zuschlagen möchte, jedoch vor lauter Faszination nicht mehr aufhören kann zu lesen.

    Dabei orientieren sich die Erzählungen an alten Schauergeschichten und Märchen. Es geht um verwunschene Häuser mit geheimnisvollen Türen. Um die Deformation der Familienmitglieder. Oder um die Verwandlung eines Jungen in ein wurmartiges Ungetüm, der von seiner Familie vergiftet wird und in der Kanalisation leben muss. Und doch wird noch eine zweite Ebene offensichtlich. Die Angst vor der Einsamkeit oder dem Verlust der Familie. Denn der Horror kommt immer aus der Wahrnehmung des Kindes. Das macht ihn so real.

    Grotesk verzerrt Hino die Wirklichkeit, erzählt von Müll, Eiter, Leichenbergen und deformierten Kindern. Nicht zufällig erinnern seine Geschichten manchmal an die Schrecken von Hiroshima. Denn Hino wurde 1946 geboren und die Erinnerungen an das Nachkriegsjapan haben tiefe Spuren in seinem Werk hinterlassen. Auch wenn die Zeichnungen beinahe als klassischer Manga zu bezeichnen sind, regiert die Verunsicherung und die bedrohliche Angst vor dem Monströsen.

    Der Comicautor und Regisseur Hino kennt kein Tabu. Wenn der Bug Boy zum ersten Mal das Meer sieht oder ihn eine Traurigkeit befällt, wenn er zum Wohnhaus seiner Eltern kommt, dann bekommen die Geschichten etwas leicht Melancholisches, beinahe menschliche Züge und dann bekommt der Horror eine ganz neue Dimension. Hinos Geschichten sind Allegorien auf die Vergänglichkeit.

    Das Label Shodoku baut sein Programm des anspruchsvollen Manga ziemlich stilsicher aus. Die Soundwords als Teil der Grafik und des Layouts im Original zu belassen, ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, zumal sie nicht erklärt werden. Auch ob die Übersetzung aus dem Englischen der des japanischen Originals etwas voraus hat, lässt sich nicht klären. Das soll aber nicht den Verdienst schmälern, denn mit Hideshi Hino hat man auf jeden Fall einen weiteren japanischen Ausnahmeerzähler im Programm.

  17. #67
    Klaus Schikowski in Comixene Nr. 100 über Tod eines Mörders von Jacques Loustal:

    Kranke Killer

    Jaques de Loustal gilt seit den 1980er Jahren als eine der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten aus Frankreich. Seine Bände, die er zusammen mit dem Autor Paringaux herausbrachte, waren illustrierte Geschichten, die aufgrund ihrer grafischen Opulenz zu Meisterwerken avancierten. Es war die Zeit, wo die grafische Ausdrucksform im Vordergrund stand und der Comic künstlerisch zu erstarren drohte. Dann wurde es zunehmend stiller um den Zeichner, der zwar kontinuierlich weiter veröffentlichte, dessen Alben aber wenig grafische Entwicklung zeigten. Die Erzählungen hatten nachgelassen, waren beliebig geworden, waren ohne Herz.

    Als dann der neue Band zeitnah am Original in Deutschland veröffentlicht wurde, fiel zunächst nur die Nibelungentreue des Verlags zu seinem Künstler besonders auf, denn es ist beileibe nicht selbstverständlich in Deutschland, dass ein Verlag so lange an einem Künstler festhält. Und auch fast schien es so, als hätte sich nichts verändert. Immer noch wirken Bild und Text wie Einzelmomente, die auch für sich stehen könnten. Es sind eingefangene Momente, geprägt durch die knappe Prosa des Autors und die dazugehörigen Bilder von Loustal. Doch beim Lesen wurde denn deutlich, dass sich etwas verändert hat. Es ist der Ton der Geschichte. Alles ist wesentlich düsterer und morbider. Eine Ausweglosigkeit macht sich breit, die bis dato in dem Werk noch nicht so ausgeprägt war.

    Es ist die Geschichte eines Auftragskillers, der sich todkrank auf die Suche nach seiner Tochter macht und dabei gnadenlos mit seiner Vergangenheit abrechnet. Das Ganze ist von ungewohnter Blutigkeit und faszinierender Konsequenz. Aber es ist der Versuch der Rückkehr zur Geschichte. Paringaux weist in dem Sujet einige Schwächen auf. Zwar sind die Sätze noch immer erzählerische Kleinoden, aber die Geschichte wirkt steif und auch die Charaktere sind nicht belebt.

    Doch gerade da findet Loustal zu sich selbst zurück. Die Zeichnungen sind immer noch von aquarellierter Brillanz, durch den Einsatz von Bleistift-Schattierungen bekommen sie sogar noch mehr Tiefe. Mit der eigenwilligen und mutigen Farbgebung gelingt es dem Zeichner, starke atmosphärische Momente zu zaubern. Manche Bilder wirken, als wollten sie sagen: Sauge jeden Moment auf, denn er wird vergehen.

    Am Ende steht der Rachengel in all seiner Auswegslosigkeit bereit in der Tür und erstrahlt in hellem Licht, es gibt nichts mehr zu verlieren, scheint er zu sagen und der Leser weiß, dass dies kein leeres Versprechen ist. Denn Totgesagte leben eben doch länger.

  18. #68
    Barbara Buchholz in der Kölnischen Rundschau vom 21.11.07 über Inspektor Canardo 16 – Ein dummer Hund von Benoît Sokal:

    Diese Ente ist hartgesotten
    Der tierische Inspektor Canardo schlurft in einen neuen Kriminalfall

    Die Augenlider auf Halbmast, am plumpen Leib einen speckigen Trenchcoat und im Schnabel stets eine Kippe. Inspektor Canardo ist wirklich keine Augenweide. Zwar ist er nicht weniger hartgesotten als Privatschnüffler Philip Marlowe. Aber er ist eben nur eine Ente, und eine belgische dazu.

    1979 schuf der Brüsseler Comicautor Benoît Sokal den tierischen Inspektor („canard“ bedeutet Ente auf Französisch). Seitdem schlurft der abgehalfterte Vogel schwermütig in einen unschönen Kriminalfall nach dem anderen. Ausgleich sucht er wie seine Kollegen von Fach im Alkohol. Aber weil Canardo kein Ami, sondern waschechter Belgier ist, kippt er statt Whisky dosenweise Bier der Marke „Kluutch“ in sich hinein.

    Und mit dem beginnt der neue Canardo-Fall „Ein dummer Hund“. Ein Gewinnspiel auf Bierdosen würfelt eine Handvoll unterschiedlicher Passagiere in einem Reisebus zusammen, auf dem Weg, die Brüsseler „Kluutch“-Brauerei zu besichtigen. Darunter einen riesigen, fetten Hund namens Adi, der leider nicht nur gerne Bier trinkt, sondern ein gesuchter Verbrecher ist und einen Sprengstoffgürtel um die Wampe trägt.

    Das könnte Inspektor Canardo schnuppe sein, schließlich schlürft er zur selben Zeit unter Palmen Piña Colada, die er sich von braungebrannten Schönen reichen lässt. Doch wie das so ist: Wenn der Dienst ruft, muss der Urlaub dran glauben. Schnell das Hawaiihemd gegen den ollen Trench zurückgetauscht, und schon ist Inspektor Canardo mitten drin im nächsten Schlamassel seiner Karriere.
    Geändert von Philipp Schreiber (21.11.2007 um 17:20 Uhr)

  19. #69
    Brigitte Schönhense auf Splashcomics über Gipfel der Götter 1 von Jiro Taniguchi:

    Story:
    Dies ist die Geschichte von Habu Yoshi, ein ganz besonderer Bergsteiger Japans. Habus erste Berührungspunkte mit dem Fels, sowie sein Werdegang zum Ausnahmealpinisten werden aufgezeigt. Ein Mann der sich immer wieder der Natur und seinen physischen als auch psychischen Grenzen stellt.

    Meinung:
    Schreiber & Leser beweist mal wieder Geschmack und Mut, denn der Verlag veröffentlicht einen weiteren Titel des Mangaka Taniguchi, weit ab vom Mainstream Allerlei, den fünfbändigen Comicepos "Gipfel der Götter - Kamigami no itadaki". Den Handlungsrahmen liefert der Autor Baku Yumemakura in dem sich die großartigen Zeichnung von Taniguchu wunderbar einfügen. Sehr detailliert und auf höchsten zeichnerischen Niveau haucht der Künstler seinen Figuren und den Szenarien Leben ein, immer darauf bedacht realitätsgetreu darzustellen.
    Die Bilder alleine genügen eigentlich schon, um ohne schlechtes Gewissen zu zugreifen und € 16,95 für einen Manga locker zumachen. Der Leser darf sich aber darüber hinaus auch auf eine wirklich gut durchdachte und strukturierte Geschichte freuen. Zwei Handlungsbögen, einer in der Gegenwart und einer in der Vergangenheit Habus, versetzen den Leser auf schneebedeckte Gipfel in klirrende Kälte.

    [...]

    So erfolgreich der junge Mann auch am Fels ist, in der sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung bleibt er auch weiterhin auf der Strecke. Er schafft es nicht feinfühlig auf seine Mitmenschen zu zugehen. Ist oft grobschlägig und verletzend in seinen Äußerungen. Aber gerade wegen diesen schwierigen Charakters ist diese Figur besonders interessant. Dem Leser wird es schwergefallen sofort mit ihm zu sympathisieren. Habus völlige Aufopferungsbereitschaft und sein eiserne Wille die gesteckten Ziele auch zu verwirklichen sorgen jedoch dafür, dass man ihm Respekt zollt. Schon allein sein familiärer Hintergrund, er ist eine Waise und stammt aus ärmlichen Verhältnissen, von denen es ihm auch nicht so recht gelingen will sich zu lösen, machen ihn sehr menschlich und verletzbar.

    In gespannter Vorfreude lässt sich der Band aus den Händen legen, und der Leser selbst bekommt Lust mal wieder die Wanderschuhe zu schnüren und raus in die Natur zu gehen.
    Zur Publikation sei zu sagen, dass der Verlag mal wieder mit Qualität überzeugt. Farbseiten, dickes Papier und ein sehr guter Druck, sowie die flüssige und lebendige Übersetzung überzeugen und sind das Geld echt wert.
    Hier die komplette Rezension.

  20. #70
    Jochen Werner im goon Magazin über Hino Horror 1&2: "Red Snake" und "Bug Boy" von Hideshi Hino:

    Vom Ausbleiben der Apokalypse

    Hideshi Hinos Horror-Mangas lassen uns in den Spiegel blicken – und die Hölle sehen…

    »Solange ich denken kann, wollte ich weg von diesem Haus. […] Es war ein altes, weitläufiges Gebäude. Niemand wusste so richtig, wo es anfing und endete. / Es war von allen Seiten umgeben von einem dunklen Wald aus knorrigen Bäumen. / Es gab keine Stelle, von der aus man das Haus als Ganzes sehen konnte.« Derart allumfassend und scheinbar ausweglos führt der japanische mangaka Hideshi Hino auf den ersten Seiten von »Red Snake« in die albtraumhafte Welt seiner Horror-Comics ein, die im Rahmen der Reihe Shodoku jetzt erstmals auf Deutsch erscheinen.

    Red Snake:
    »Meine Familie war ziemlich seltsam.«


    [...]

    Das ärgste Grauen für den Protagonisten von »Red Snake«, einen namenlosen, ängstlichen Jungen mit großen Augen, ist nämlich im innersten Kern seiner Familie, der vollständig von unterschiedlichen Formen des Wahnsinns infiziert ist, zu verorten. Diese Spielarten des Irrsinns drehen sich sämtlich um eine Hühnerzucht, die der Vater im Haus betreibt – oder vielleicht noch eher um die widerlichen Würmer, die er im Raum daneben züchtet, um sie an die Hühner zu verfüttern. Die dort mit rabiatesten Methoden produzierten Eier stellen eine Art Schmiermittel für die pervertierte Bande zwischen den Familienmitgliedern dar: Die Großmutter hält sich selbst für ein Huhn, lässt sich vom Vater mit Würmern füttern und sitzt gackernd in einem gigantischen Nest, während sie versucht, Eier auszubrüten. Der Großvater lässt sich von der Mutter tagtäglich in einer eindeutig sexuell motivierten Prozedur rohe Eier in ein gigantisches Geschwür im Gesicht einmassieren, um so Blut und Eiter aus diesem herauszudrücken; und die ältere Schwester des Helden stiehlt dann gleich heimlich das Gewürm des Vaters, um sich damit erotisch zu verlustieren…

    [...]

    Und der Schrecken, der ganz am Ende steht, ist nicht jener der Apokalypse, sondern vielmehr der ihres Ausbleibens – und der Erkenntnis, dass in Hinos Welt tatsächlich und wie befürchtet alles ganz und gar ausweglos ist…


    Bug Boy:
    »Wie gewohnt spielte Sanpei mit seiner Leichensammlung…«


    Noch deutlicher äußert sich diese Sektion der eigenen Kontamination im zweiten Band der neuen Reihe »Hino Horror« bei Shodoku, die tatsächlich erstmals die Werke des vielleicht bedeutendsten Autoren des Horror-Manga einer deutschen Leserschaft zugänglich macht.

    Hinter »Bug Boy« verbirgt sich eine Art splatter-retelling von Kafkas »Verwandlung« – mit dem Unterschied, dass sich Hinos erneut kindlicher Antiheld Sanpei nicht, wie Gregor Samsa, in sein Schicksal ergibt und an der Zurückweisung durch die Familie zugrunde geht, sondern sich zum grausam mordenden, Menschen fressenden Monster wandelt.

    [...]

    In einer Welt wie jener, die Hino beschreibt (und die höchstens einen Schritt hinter der unsrigen liegen mag) ist es schlicht und einfach normal, ein wahnsinniges Ungeheuer zu sein…
    Darin mag auch begründet liegen, dass uns Hinos Comic-Erzählungen so nachhaltig verstören. Zwischen dem Lovecraft’schen Schweigen und dem Zeigegestus des Splatterkinos, zwischen der ins Groteske überspitzten, gebrochenen Niedlichkeit der stereotypen Manga-Ästhetik und den surrealistischen Höllenvisionen eines Hieronymus Bosch, und letztlich zwischen allen Stühlen sucht Hino, eine Kartographie der Abgründe vorzunehmen, die sich in den Lücken und Zwischenräumen unseres Daseins auftun. Das ist alles andere als Realismus, aber es ist stets klar, dass es uns angeht.
    Komplette Rezension bei goon Magazin

  21. #71
    Barbara Buchholz im Kölnischen Rundschau Magazin vom 28.11.07 über Gipfel der Götter – Teil 1 von Jiro Taniguchi:

    Ein alter Fotoapparat in einem Trödelladen in Kathmandu zieht Fukamachi Makoto in seinen Bann. Eine Kodak Pocket-Kamera aus den 20er Jahren – ein solches Modell hatte der englische Bergsteiger George Mallory bei sich, als er 1924 an der Mount Everest-Besteigung tödlich scheiterte. Fukamachi kauft den Apparat. Soeben von einer Bergexpedition zurückgekehrt, lässt der japanische Alpin-Fotograf sich einige Zeit in der nepalesischen Hauptstadt treiben. Kaum hat Fukamachi aber die Kamera gekauft, verstrickt er sich in eine dramatische Bergsteiger-Geschichte. Ist die Kodak womöglich eben die, die Mallory gehörte? Und wie kam sie dann in den Trödelladen? Bald wird klar, dass sich nicht nur Fukamachi dafür interessiert.

    „Der Gipfel der Götter“ von Jiro Taniguchi und Baku Yumemakura (Schreiber und Leser, 326 S., 16,95 Euro) ist alpines Abenteuer und spannende Detektivgeschichte am Fuß des Himalaya, und besticht mit atemberaubenden Panoramen.

  22. #72
    Stephan Schunck bei splashcomics über Djinn 7 - Pipktu von Anna Miralles und Jean Dufaux:

    Story:
    Der erste Weltkrieg ist vorbei, das osmanische Reich ist Vergangenheit. Gemeinsam mit ihrer Freundin Jade bereisen Lord und Lady Nelson im Rahmen ihrer Weltreise Schwarzafrika, den Kontinent, in dem es gärt. Hier wird ihnen eine schwarze Perle am rechten Ohr von Jade zum Verhängnis. Denn diese Perle - aus dem Schatz des Sultans - wurde vor langer Zeit der Anaktu, der Göttin des Fiebers und des Siechtums, gestohlen. Jade wird von Schwarzen entführt und wird zur Verkörperung der Herrscherin der Orushi. Mit der vermeintlichen Göttin auf ihrer Seite verlieren die Schwarzen die Angst vor den weißen Machthabern und planen den Aufstand.

    [...]

    Meinung:
    [...]

    Dieser dritte Band spielt also wieder in der Vergangenheit und handelt von der Inkarnation Jades zur gefühllosen und herrschenden Göttin Anaktu. Im Gegensatz zu dem manchmal schon fast zu mystischen Geschehen des ersten Zyklus ist die Afrika-Reise verständlicher und nachvollziehbarer.

    Einfühlsam setzt Ana Mirallès Dufauxs Szenario in wunderschöne Bilder um, die zum Teil die Wärme und Schwüle Afrikas fast greifbar werden lassen und dem Leser das Gefühl geben, am Geschehen teil zu haben.
    Über die Qualitäten von Dufaux als Szenarist muss nicht mehr viel gesagt werden. Ana Mirallès, die in Deutschland bisher nur durch die Serie „Eva Medusa“ auf sich aufmerksam machen konnte, liefert mit „Djinn“ eine klasse Leistung ab.

    Fazit:
    Faszinierende und mystische Geschichte, die Anfang des letzten Jahrhunderts in Afrika spielt, mit wunderbarer grafischer Umsetzung.
    Komplette Rezension

  23. #73
    Stephan Schunck bei splashcomics über Der Janitor 2: Wochenende in Davos von François Boucq und Yves Sente:

    Story:
    Der neue Janitor Trias, alias Hochwürden Vince, begleitet Kardinal Feuster und dessen Assistenten Giulio als Leibwächter zum Weltwirtschaftsgipfel nach Davos. Im diskreten Hotel Bellevue findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber mit den wichtigsten Börsenakteuren der Welt, das erste Börsenseminar des Unternehmens Futurotech unter Leitung des zwielichtigen Al Quarid statt. Plötzlich erfahren die Teilnehmer der Veranstaltung, dass sich auf internationaler Ebene Dinge ereignet haben, die von größter Tragweite sind.

    [...]

    Meinung:
    Yves Sente beweist einmal mehr, was ein guter Szenarist wert sein kann. Sente, der u.a. schon bei „Thorgal“ und „Blake und Mortimer“ sein Können unter Beweis stellen konnte, liefert mit „Der Janitor“ ein echtes Meisterstück eines sorgfältig inszenierten, spannungsgeladenen Krimis - denn mehr oder weniger ist es nicht - ab. Wenn dann eine solche Geschichte in das Umfeld der Finanzgrößen und des Vatikan gesteckt wird, trägt die Geschichte zusätzlich noch dem Zeitgeist - ob „Da Vinci Code“, „Tempelritter“ oder, oder - Rechnung.

    Gespickt mit Elementen aus „James Bond“ und gewürzt mit einem gehörigen Schuss „Stirb Langsam“ kommt in Synthese mit den kongenialen Zeichnungen von Boucq ein rasantes, spannendes und äußerst kurzweiliges Comic-Vergnügen zu Stande.

    Boucq ist Genre übergreifend auf jedem seiner Arbeitsgebiete ein absoluter Meister seines Fachs.

    Fazit:
    Actiongeladener, sehr sorgfältig inszenierter Krimi im Umfeld von Finanzen und Vatikan
    Komplette Rezension

  24. #74
    Martin Höche bei der Comic Radio Show über Der Janitor 1 + 2 von François Boucq und Yves Sente:

    Vatikan 2.0
    Mit einer Fläche von 0,44 Quadratkilometern, rund 850 Einwohnern und einer offiziellen Geburtenrate von 0, ist Vatikanstadt als Ministaat zu bezeichnen. Doch große Geheimnisse ranken sich um den Kirchenstaat in der italienischen Hauptstadt. Durch die dicken Mauern dringen nur wenige Informationen nach außen. Selbst die Wahlergebnisse werden traditionell durch Rauchzeichen übermittelt. Was mag hinter diesen Mauern geschehen? Dieser Frage versuchen sich F. Boucq und Y. Sente in Comicform anzunähern. Mit Der Janitor werfen sie einen Blick in die geheimsten Geheimnisse des Vatikan: Den Geheimdienst des Vatikan.

    [...]

    Boucq und Sente entwickeln einen Kirchenthriller mit gewaltigem Potenzial und großartigen Einfällen. Jenseits von Tradition und Petersdom verfügt der Vatikan in diesem Comic über eine ultramoderne Einsatzzentrale. Priester, die auf Plasmabildschirmen CNN schauen, eine eigene Suchmaschine, die Google in nichts nachsteht. Und natürlich das geheime, unterirdische Wegenetz. Darüber hinaus bietet Der Janitor eine sehr komplexe Handlung, für die 48 Seiten pro Band eigentlich viel zu wenig sind. Trotzdem sind die ersten beiden Bände vielversprechend. Solange alle Erzählstränge irgendwann sinnvoll ineinander greifen, ist die Wartezeit verschmerzbar. Die Zeichnungen sind typisch Boucq – hart, schroff, gewöhnungsbedürftig, aber mit Liebe zum Detail. Kurz und knapp: Eine gelungene Mischung aus XIII und Indiana Jones.
    Komplette Rezension

  25. #75
    Stefan Pannor bei satt.org über Die Stadt und das Mädchen und Gipfel der Götter von Jiro Taniguchi:

    In Japan gilt Jiro Taniguchi als westlich orientierter Künstler und als Manga-Star, der mit seinen Werken den Spagat zwischen Manga und europäischem Comic wagt. In Deutschland gilt er als nahezu unbekannt. Vor nur knapp einem Jahr kam mit der Manga-Novellensammlung „Der Wanderer im Eis“ erstmals ein winziger Teil von Taniguchis umfangreichem Werk auf den hiesigen Markt.

    [...]

    Erinnerung ist auch eines der Themen in „Gipfel der Götter“. Das 2000seitige Epos ist einer der umfangreicheren Titel in Taniguchis Oeuvre. Das Thema klingt zunächst wenig spektakulär. Ausgehend vom Fund einer alten Kamera in Katmandu macht sich der Bergsteiger Fukamachi auf, die Geschichte dieser kamera zu recherchieren. Was er dabei in Wirklichkeit aufrollt, ist eine Art Wandteppich modernen Bergsteigens. Fukamachi lässt sich Geschichten von Erst- und Winterbesteigungen, von Alleingängen und Teamwork erzählen.


    [...]

    Nicht um das Erinnern, sondern um das Auffinden geht es in in „Die Stadt und das Mädchen“ vor. Auch hier steht ein Bergsteiger im Mittelpunkt. Der zurückgezogen auf dem Land lebende Shiga sucht in Tokio nach seiner verschwundenen minderjährigen Nichte. Und findet eine seltsame Halbwelt, die von Drogenkonsum und Schulmädchenprostitution geprägt ist und in der fast alle Teenager ein zweites Leben neben ihrem Alltag als normale Töchter führen.

    Ein fremder Mann in einer fremden Welt. Das verbindet „Die Stadt und das Mädchen“ mit „Gipfel der Götter“ und „Vertraute Fremde“. Fremde, Beobachtende. Auch Shiga, der Suchende, lässt sich im Grunde nur von seinen Fragen treiben.

    [...]

    Diese Welt braucht keine Helden, nicht einmal dann, wenn sie siegreich sind. Der Mann geht zurück in die Berge. Die Stadt bleibt, wie sie ist.

    Komplette Besprechung

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