Ergebnis 1 bis 9 von 9
  1. #1

    Schneewittchen

    Die Geschichte orientiert sich tatsächlich eng am Original der Brüder Grimm. Zur Erinnerung: es geht um den Spiegel, der quasi als Juror entscheidet, wer die Schönste im ganzen Land ist, die böse Stiefmutter, sieben Zwerge und den vergifteten Apfel. Alles klar?

    Der Band ist sehr schön aufbereitet. Das Cover vermag zu glänzen und die Seitenzahlen am unteren Rand sind liebevoll eingebettet in Verzierungen. Der Text in Spiegelschrift auf der letzten Seite rundet den ausgezeichneten Gesamteindruck ab. Der Comic macht sich einfach gut im Regal.

    Der Szenarist Lylian versucht, behutsam "moderne" Elemente bzw. Erklärungen einfließen zu lassen. Ob das immer überzeugend ist, muss jeder für sich entscheiden. Gefallen haben mir die teilweise poetischen Formulierungen ("Schneeflocken tanzten anmutig im Wind"). Leider gelingt es nicht immer, dieses Niveau zu halten, was möglicherweise auch an der Übersetzung liegt. Regelrecht ärgerlich wird es, wenn die Königin von dem Jäger als Beleg für die Ausführung der von ihr in Auftrag gegeben Tötung, ein paar Innereien des Mädchens verlangt, und man lesen muss, "als Wahrzeichen wirst du mir ihre Leber und Lunge bringen" (Seite 18). Wahrzeichen? Das erinnert eher an ein Übersetzungsprogramm als an professionelle Übertragung. Es bleibt insoweit das ungute Gefühl, dass hier eine Chance verpasst wurde, auch in textlich/inhaltlicher Richtung Maßstäbe zu setzen. Ich bin mir darüber hinaus nicht sicher, welche Zielgruppe angesprochen werden soll. Ob Kinder sich daran erfreuen können, erscheint mir zweifelhaft, da nicht immer alles nachvollziehbar erklärt wird (mit Tonerde vergifteter Kamm?). Kenntnis des Originals kann daher nicht schaden. Erwachsenen wird möglicherweise bei der Umsetzung des Stoffes etwas Originalität oder Esprit fehlen. Der Band bleibt daher auch in dieser Hinsicht seltsam unschlüssig.

    Das gilt allerdings nicht für die zeichnerische Darstellung der Märchenwelten. Die ist einfach nur überwältigend gut und rechtfertigt schon alleine den Kauf! Splitter nennt es Bilderbuchstil. Kann man so sehen. Dann ist der Band das schönste Bilderbuch, das ich bisher gelesen habe. Ein tolles Debüt der Zeichnerin Nathalie Vessillier. Hoffentlich wird von ihr noch mehr kommen. Mich würde es freuen.

    Noch eine Anmerkung am Rande: im Buch wird als Übersetzerin Tanja Krämling genannt, während auf der Website in der splittereigenen Vorschau Swantje Baumgart angegeben ist.

  2. #2
    Mitglied
    Registriert seit
    12.2006
    Beiträge
    6.810
    Zitat Zitat von Zardoz Beitrag anzeigen
    Gefallen haben mir die teilweise poetischen Formulierungen ("Schneeflocken tanzten anmutig im Wind"). Leider gelingt es nicht immer, dieses Niveau zu halten, was möglicherweise auch an der Übersetzung liegt. Regelrecht ärgerlich wird es, wenn die Königin von dem Jäger als Beleg für die Ausführung der von ihr in Auftrag gegeben Tötung, ein paar Innereien des Mädchens verlangt, und man lesen muss, "als Wahrzeichen wirst du mir ihre Leber und Lunge bringen" (Seite 18). Wahrzeichen? Das erinnert eher an ein Übersetzungsprogramm als an professionelle Übertragung. Es bleibt insoweit das ungute Gefühl, dass hier eine Chance verpasst wurde, auch in textlich/inhaltlicher Richtung Maßstäbe zu setzen.

    Noch eine Anmerkung am Rande: im Buch wird als Übersetzerin Tanja Krämling genannt, während auf der Website in der splittereigenen Vorschau Swantje Baumgart angegeben ist.
    Ich habe den Band noch nicht gelesen, aber schon gekauft. Ich muss diesbezüglich die Damen Übersetzerinnen sofort in Schutz nehmen. Das ist klassisch, das mit dem Wahrzeichen. Findest du so auch im altertümlichen Hausmärchen.
    Essigsaure Tonerde darf nicht in offene Wunden gelangen. Also nicht zu sehr in die Kopfhaut einmassieren, so einen Kamm.
    Aber ein Dankeschön für die ausführliche Rezension deinerseits.

  3. #3
    Wahrzeichen: Damit wäre dann zumindest die Zielgruppe geklärt: Mediävisten, Germanisten und natürlich Huxley (der aber wahrscheinlich ohnehin alles liest)

    Aber im Ernst: ich entschuldige mich aufrichtig bei der oder den Übersetzerinnen, da mir die Verwendung des Begriffes in diesem Zusammenhang bisher unbekannt war. Nur stellt sich dann anschließend die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, dessen Herkunft in einer Fußnote kurz (so wie z.B. Huxley es getan hat) zu erläutern. Beim Lesen fällt das Wort sofort auf. Dessen Bedeutung erschließt sich zwar aus dem Kontext. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass er dem ein oder anderen Leser nicht geläufig ist.

    Tonerde: Da gilt im Prinzip dasselbe. Im Ansatz richtet sich meine Kritik auf die fehlende Erläuterung. Wenn auf der einen Seite "moderne Dynamik und kindgerechte Komik" in die Geschichte gebracht werden sollen, dann wäre es zumindest konsequent gewesen, Kindern (und Erwachsenen) solche Dinge zu erklären.

    Nur um nicht mißverstanden zu werden: In der Gesamtschau ist der Band insb. wegen der wunderschönen Bilder zu empfehlen. Falls er ein größeres Publikum erreichen sollte, bestünde auch die Chance, das weitere "Märchencomics" folgen werden.

  4. #4
    Mitglied
    Registriert seit
    12.2006
    Beiträge
    6.810
    Ich lese nicht alles, nur fast alles. Wenn dir die Zeichnungen von Vessillier gefallen und du "Märchencomics" magst, die ins Bilderbuchartige abdriften, kennst du sicher Benjamin Lacombe.

    http://www.jacobystuart.de/buecher-v...chneewittchen/

    Daher meine Kenntnisse des Textes. Außerdem bin ich seit 30 Jahren staatlich geprüfter Märchenonkel. Märchen sind ja Vorläufer der Fantasy.

    http://www.jacobystuart.de/buecher-v...te-neuausgabe/

    Ebenfalls wunderschön. Mit ganz viel Text. Und wenn du dann Lacombe suchen gehst, findest du in Buchhandlungen eventuell auch noch ein Exemplar von "Alice im Wunderland" oder "Alice im Spiegelland".
    Und ganz schnell bist du wieder einen Hunderter Taschengeld los. Nur Splitter hat dann nichts davon.

  5. #5
    Lacombe kannte ich bisher noch nicht. Danke für den Tipp!!

    "Alice im Wunderland" von Chauvel/Colette - erschienen übrigens bei Splitter - hat mir ausgezeichnet gefallen. Leider war mein Sohn damals, als ich den Band erstanden habe, nicht so begeistert wie erhofft. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

  6. #6
    Mitglied
    Registriert seit
    12.2006
    Beiträge
    6.810
    http://www.comicforum.de/showthread....alice+splitter

    Gerade wollte ich dir das empfehlen. Pinocchio von Toonfish ist auch fein. Die Kinder von heute kannst "vergessen". Meine interessieren sich auch nicht für die Regalinhalte.

  7. #7
    Ich fange langsam mit Star Wars an. Das geht zumindest bei Jungs immer. Und Batman und sogar deadpool! Aber das ist eine andere Geschichte.

  8. #8
    Mitglied
    Registriert seit
    12.2006
    Beiträge
    6.810
    Da ist er vorerst wieder raus. Der kleine Prinz hat aktuell sein Schneewittchen gefunden und er übt sich eifrig im Wachküssen.

  9. #9
    Das ist dann eindeutig der nächste Schritt.

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •