szmtag Die Wahrsagerin (Kurzgeschichte)
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    Die Wahrsagerin (Kurzgeschichte)

    Die Wahrsagerin
    Die Ölfarbe blätterte schon von ihren Wangen. Ihr Blick war über die Jahre trübe geworden. Ihr Haar von Staub und Zeit struppig und zerzaust. Ihre Nägel und Lippen, einst verführerisch rot, hatten jetzt Risse. Auch auf ihrer braungebrannten Haut zeichneten sich schwarze Linien der Krankheit des Alters ab. An ihrer Stirn war sogar ein ganzes Stück der Haut abgeplatzt und prangte wie ein drittes Auge aus dem Schaukasten. Das Einzige an ihr, dass ihrem Gesicht noch Leben verlieh war ihr Lächeln. Ein Lächeln, das einem sagte: „ Ich weiß alles über dich!“

    Schon seit Jahren lebte die Frau eingesperrt in dem Glaskasten auf dem Jahrmarkt. Sie hatte die goldenen Zeiten miterlebt, in denen sich die Leute scharrenweise um sie drängten, um Weissagungen und Ratschläge zu erhalten. Sobald die Münze den Münzschacht passierte, bewegten sich die winzigen Zahnräder im Inneren und Tinte traf auf Papier. Durch einen dünnen Schlitzt an ihrer Handfläche schob sich dann langsam das Papier durch ein Loch am Glaskasten nach außen, wo es von den Neugierigen gelesen werden konnte. Doch wie gesagt, die goldenen Zeiten waren schon lange vorbei und keiner wollte mehr, nicht einmal aus Spaß, seine Zukunft von dieser „verlotterten Hexe“, wie sie von den Jahrmarktleuten genannt wurde, erfahren.
    Eines Tages beschlossen die Arbeiter des Jahrmarktes die Wahrsagerin in den kommenden drei Tagen abzubauen und auf den Schrott zu werfen. Noch am Morgen des ersten Tages ratterten die winzigen Zahnrädchen, ohne dass auch irgendjemand ein Geldstück hineingeworfen hatte. Ein kleines Stück Papier segelte einsam und ungelesen zu Boden. Dort stand: „Nichts, das man tötet, ist jemals tot!“
    Am zweiten Tag kam der Chef des Jahrmarktes und schaute sich die Wahrsagerin genau an, um noch etwas Wertvolles an ihr zu suchen. Enttäuscht musste er feststellen, dass nicht einmal ihre Kleidung mit Blattgold versetzt war. Sie mochte in der Vergangenheit ein Wunder der Technik gewesen sein, doch im Zeitalter von IPOD und Smartphone wirkte sie so bemerkenswert wie ein verdreckter Kaugummi auf dem Sitz eines Schulbusses. Er zog eine Münze hervor und warf sie in den Schlitz.
    „Ein letztes Mal noch, Madame“, dachte er sich. Musik ertönte. Die Puppe begann sich zu bewegen. Erst die Arme, dann der Kopf und schließlich der Mund. Erwartungsvoll starrte der Chef auf das Loch in der Scheibe, um seinen Zettel entgegen zu nehmen. Doch plötzlich verstummte die Melodie und die Wahrsagerin blieb stehen.
    Der Chef wurde wütend und schlug ein paar Mal mit der flachen Hand gegen den Automaten. Nichts geschah. „Nur noch ein Haufen Schrott!“, dachte er und versetzte dem Gestell noch einen Tritt zum Abschied. Erst als er verschwunden war, flog ein weiteres ungelesenes Papierstück zu Boden. „Die Erde wimmelt von Menschen, die es nicht wert sind, dass man mit ihnen spricht.“
    Am Morgen des letzten Tages ging der Chef ins Bad, um sich das Gesicht zu waschen als ihn plötzlich ein Hustenanfall überkam. Er stützte sich mit beiden Armen am Waschbecken ab. Er hustete und spuckte ,hustete und spuckte. Irgendetwas steckte in seinem Hals und wollte sich nicht lösen. Der Juckreiz machte ihn fast wahnsinnig und so nahm er in einem Moment der Gedankenlosigkeit die Zahnbürste und rammte sie so tief in die Kehle, dass er fast sein Frühstück erbrach. Er hatte sich die Bürste so tief in den Gaumen gestoßen, dass er nun auch Blut spuckte, doch jetzt glaubte er mit der Zunge etwas in der Mundhöhle zu spüren. Er steckte seine Finger hinein und bekam etwas auf Höhe der Backenzähne zu fassen. Unter Keuchen und Würgen zog er den Gegenstand langsam heraus. Er war lang aber weich. Als er ihn in die Hände bekam erschauderte er. Es war ein Automatenzettel, wie ihn die Wahrsagerin immer ausspuckte. Verwirrt blickte erauf das Stück Papier, dass noch zuvor in seinem Hals gesteckt hatte. Dort stand nichts außer der Zahl. „3“.
    Der Weg zur Arbeit war heute stressiger als sonst. Nicht nur, dass der Verkehr aufgrund mehrerer Baustellen häufig staute und die anderen Autofahrer ständig genervt auf ihre Hupen droschen, ihm ging auch der Vorfall im Bad nicht aus dem Kopf. Er war so in Gedanken, dass er fast die alte Oma übersehen hätte, die seelenruhig eine Baustellenampel überquerte. Er trat so heftig auf die Bremse, dass sein Kopf fast gegen das Lenkrad gedonnert wäre. Die Oma blieb seelenruhig stehen und drehte sich langsam zu ihm. Dann lächelte sie ihn mit ihrem zahnlosen Mund an und streckte ihm die Zunge heraus. Der Chef konnte nicht glauben was es sah. Mitten auf ihrer Zunge lag ein Zettel auf dem in schwarzer Schrift „-2“ stand.
    Schweiß brach ihm aus, ohne dass er sagen konnte warum. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen und nachzudenken. Es musste eine einfache Erklärung für die Verrücktheiten geben. Er beschloss auszusteigen und die alte Frau anzusprechen.Hastig versuchte er seinen Anschnallgurt zu öffnen, doch er klemmte. Als er endlich die Tür öffnete und auf die Straße trat, war die Oma verschwunden.
    Als er auf der Arbeit war, konnte er sich kaum auf etwas konzentrieren und als er vor der Wahrsagerin stand, überkam ihn ein Schauder. Dennoch gab er seinen Arbeitern die Anweisung die Maschine abzubauen und wegzuschaffen. Dann schrie er plötzlich auf. Er hat die 1 entdeckt. Einer der beiden Arbeiter hatte sie sie sich auf den Oberarm tätowieren lassen. Allerdings beruhigte sich der Chef gleich wieder, denn vor dieser 1 stand noch ein großes S. Es war wohl alles nur ein dummer Zufall oder?
    „Wat schreisste denn so Chef? Sollen me dat Ding hier doch nich abbauen?“
    „Doch doch“, erwiderte der Chef und zeigte gleichzeitig auf das Tattoo.
    „Sag mal, was hat denn eigentlich S1 zu bedeuten?“
    Der Arbeiter grinste und sagte während er die Schrauben im Boden löste: „Det wesst ik och nich so genau Chef, det hab ik mir im Suff stechen lassen.“
    Als die letzte Schraube gelöst war und die Männer den Glaskasten mit den Wahrsagerin abtransportierten, blickte der Chef ihr lange nach. Das Letzte was er zu sehen glaubte, war wie sie ihren Kopf zu ihm drehte und ihn anlächelte. Er war so erstarrt, dass er das Letzte, was er hätte hören können nicht mehr wahrnahm und so schlug der 5 Tonnen schwere Stahlträger, der sich von einem Baukram gelöst hatte, direkt auf seinen Kopf ein. Er hatte die Seriennummer S1-23.
    Geändert von Sargasso (18.01.2013 um 22:51 Uhr)

  2. #2
    Junior Mitglied Avatar von Lara's smile
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    gute Geschichte.
    Geändert von Lara's smile (17.01.2013 um 13:00 Uhr)

  3. #3
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    Super geschrieben. Vor allem der Countdown hat mir gefallen.

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